Die Ehrfurcht vor dem Leben – ein kleines Urlaubsvideo

 

 

Ein Souvenir aus dem Urlaub

Südeuropa im Dezember 2017. In einem ganz normalen Supermarkt.
 
Was mir am meisten Sorgen macht ist, dass wir die Einzigen zu sein schienen, die das Angebot schockierte. Und dass alle um uns herum so unberührt ihre Einkaufslisten abgearbeitet haben. Im ganz gewöhnlichen Festtagsrausch.

 

Die total normale Versorgung

Mir ist bewusst, dass viele die Bilder nicht ungewöhnlich finden werden und ich mir zwischenzeitlich mein eigenes kleines Land hinterm Regenbogen geschaffen habe. Ich bekomme einmal pro Woche von unserem Biohof eine Kiste mit ganz wunderbarem frischem Obst und Gemüse geliefert. Meine Trockenwaren wie Bohnen oder Nüsse liefert er gleich mit. Unsere kleine Stadtwohnung habe ich praktisch in eine Sprossenfarm verwandelt, in der auf jedem freien Quadratzentimeter, der etwas Sonne auffängt, herrliches Grün gedeiht. Und viel mehr brauchen wir eigentlich auch nicht.
 
Ganz selten, vielleicht ein Mal im Quartal, springe ich zum örtlichen Bio-Supermarkt, sollte doch mal etwas fehlen. Und noch viel seltener, vielleicht ein Mal im Halbjahr – wenn man dann gerade guter Dinge war und gefühlt mindestens die halbe Welt Pflanzen ‚zum Fressen gern‘ hat, sich um einen nachhaltigen Lebensstil bemüht und ein Sieg gegen die Dämonen des Industriezeitalters nahezu greifbar erscheint – dann verschlägt es mich durch widrige Umstände doch mal wieder in einen ganz konventionellen Supermarkt.
 
Und jedes Mal aufs Neue überrollt mich eiskalte Ernüchterung und holt mich ganz schnell von meiner kleinen Zauberwolke auf den Boden der Tatsachen. Meine Augen und Sinne werden überflutet von Chemie und Plastik … von Verschwendung und Überfluss … von Fabriknahrung und Sinnlosigkeit … und teils leider auch von einem Klientel, das ganz offensichtlich eine Reise zu einem besseren Leben noch nicht einmal angetreten hat. Und mir rutscht das Herz ganz tief in die Knie und für eine kurze Weile schwindet die Hoffnung … komplett … für unsere Gesellschaft und für unsere Erde.

 

Beam me up Scotty

Ich behaupte nicht, dass wir in unserem Haushalt alle Herausforderungen gemeistert und Probleme beseitigt haben. Mit Sicherheit liegt auch bei uns noch viel unangepacktes oder unaufgedecktes ‚Potenzial‘ – aber wir sind schon mal ‚unterwegs‘ und geben uns Mühe. Die meiste Zeit lebe ich in der Annahme, unsere Lebenssituation sei ganz normaler Durchschnitt. So lebt doch jeder. Aber solche Supermarktbesuche belehren mich doch immer wieder eines Besseren … wenn ich aus meinem schönen Regenbogenland in ’normale‘ und in diesem speziellen Fall einen südeuropäischen Hypermarkt gebeamt werde, mit besonders üppigem Angebot, etwa zur Hälfte als Leichenhalle aufbereitet.
 
Dabei möchte ich so gerne daran glauben, dass unsere ‚hochentwickelte‘ Kultur auch ein hohes Niveau an Liebe, Mitgefühl und gesundem Menschenverstand vorlebt.

 

Wer oder was sind wir?

Und statt dessen muss ich mich fragen: was ist eigentlich mit den Menschen los? Was ist mit der Würde dieser hilflosen Wesen? In einem Ganzkörperkondom eingeschweisst in einer Tiefkühltruhe zu enden, auf einem Haufen deiner aufgestapelten Freunde, in einem Massengrab – das kann nicht der Plan gewesen sein. Oder noch lebendig aber völlig unterkühlt, auf Eis gelegt, mit letzter Kraft um dein Leben zu ringen. Was ist aus der Ehrfurcht vor dem Leben geworden? Und wem läuft bei diesem Anblick das Wasser im Munde zusammen? Was sind das für Menschen? Was sind wir für eine Gesellschaft? Ich meine, auch deutsche Fleischtheken haben genug zu bieten. Auch hier wird man Zeuge scheinbar grenzenloser Herzlosigkeit, während man diese kühle, von Tod geschwängerte Luft einatmet. Kommt ihr damit klar?
 
Mein Bauch sagt mir, dass das alles illegal ist. Dass es ganz sicher irgendwo ein Gesetz geben muss, das so etwas verbietet und verhindert. Dass kein gesunder Menschenverstand so etwas unterstützen kann. Und es keinem Lebewesen mit Bewusstsein möglich ist, so handeln. Und mein Kopf ruft mich dann wieder auf die Erde in das Jahr 2018 zurück – fragt sich zwar kurz, ob nicht 1418, nickt dann aber auch 5 Jahrhunderte mehr ab – und stellt ganz schnell klar, wo die Prioritäten liegen auf dieser Welt. Und ich kann nur hoffen, dass, wenn die Menschen im Jahr 2100 auf solche Überlieferungen blicken, sie auch nur so verständnislos den Kopf schütteln können und sich fragen, wie es möglich war, dass ihre Vorfahren so lebten. Falls es dann noch Menschen gibt.

 

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